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Fachkräftesicherung beginnt im Bildungssystem: Die Bildungskrise als Strukturfrage für Arbeitsmarkt und Sozialwirtschaft

Die Bildungskrise wird in Deutschland, wenn überhaupt, zu kleinteilig diskutiert. Tatsächlich geht es um eine tiefgehende strukturelle Schwäche entlang der gesamten Bildungskette mit direkten Folgen für Ausbildung, Fachkräftesicherung und die Handlungsfähigkeit der Sozialwirtschaft.

Die Debatte über Bildung wird in Deutschland oft in einzelnen Ausschnitten geführt. Mal geht es um PISA. Mal um den Lehrkräftemangel. Mal um Kitaqualität. Mal um unbesetzte Ausbildungsplätze. Gerade darin liegt aber das Problem. Denn die gegenwärtige Bildungskrise ist kein Sammelsurium voneinander getrennter Baustellen. Sie ist eine zusammenhängende Strukturkrise. Wenn frühe Förderung lückenhaft bleibt, wenn Basiskompetenzen schwächer werden und wenn Übergänge in Ausbildung und Beruf nicht zuverlässig gelingen, dann hat das Folgen weit über das Bildungssystem hinaus. Dann wird aus Bildungspolitik Fachkräftepolitik und aus einem pädagogischen Thema eine handfeste Frage der wirtschaftlichen und sozialen Handlungsfähigkeit.

Genau an diesem Punkt sollte die Debatte beginnen. Nicht erst bei der Verteilung knapper Fachkräfte, sondern früher. Dort, wo Voraussetzungen für Leistung überhaupt entstehen. Denn der häufig bemühte Satz, Leistung müsse sich wieder lohnen, ist zwar zweifelsfrei eine wichtige Forderung, aber politisch nur die halbe Wahrheit. Leistung muss sich nicht nur lohnen, sondern der Staat muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass Menschen auch in die Lage versetzt werden können, Leistung zu erbringen.

 

Was mit Bildungskrise derzeit konkret gemeint ist

Wer den Begriff ernst nehmen will, sollte ihn zunächst nüchtern ausbuchstabieren. Zur Bildungskrise gehören derzeit insbesondere folgende Befunde:

  • Der IQB Bildungstrend 2024 zeigt für die 9. Jahrgangsstufe zwischen 2018 und 2024 bundesweit deutliche Kompetenzrückgänge, und zwar um 24 Punkte in Mathematik, 24 Punkte in Biologie, 23 Punkte in Chemie und 23 Punkte in Physik. In Mathematik verfehlen 34,1 Prozent aller Neuntklässlerinnen und Neuntklässler den Mindeststandard für den mittleren Schulabschluss (MSA).
     
  • Bildungserfolg ist in Deutschland weiterhin eng mit der sozialen Lage der Familie verknüpft. Der Bildungsbericht 2024 zeigt, dass fast jede dritte minderjährige Person 2022 von mindestens einer bildungsbezogenen Risikolage betroffen war. Bei Kindern aus Familien mit Einwanderungsgeschichte liegt dieser Anteil bei 60 Prozent, bei Kindern ohne Einwanderungsgeschichte bei 20 Prozent. Auch Kinder von Alleinerziehenden sind besonders häufig von bildungsbezogenen Risikolagen betroffen.
     
  • Doch die Krise beginnt nicht erst in der Schule. Schon in der frühen Bildung sind Zugang, Teilhabe und Förderung ungleich verteilt. Der o.g. Bildungsbericht beschreibt die Teilhabe an früher Bildung ausdrücklich als sozial selektiv, insbesondere bei jüngeren Kindern. Kinder mit Migrationshintergrund sind in der Kindertagesbetreuung weiterhin deutlich unterrepräsentiert, Kindern von Eltern mit niedrigem Bildungsstand wird seltener vorgelesen, und formal gering qualifizierte sowie armutsgefährdete Familien nutzen universell präventive Angebote seltener.
     
  • Hinzu kommen misslingende Übergänge am unteren Ende des Bildungssystems. Der Bildungsbericht 2024 zeigt, dass 2022 wieder mehr Jugendliche die Schule ohne mindestens einen Ersten Schulabschluss verlassen haben. Mit knapp 52.300 jungen Menschen stieg die Abgangsquote von 5,7 Prozent im Jahr 2013 auf 6,9 Prozent im Jahr 2022. Der Bericht weist zugleich darauf hin, dass diese Jugendlichen mit erheblichen Hürden beim unmittelbaren Übergang in eine berufliche Ausbildung konfrontiert sind. Bildungskrise zeigt sich damit nicht nur in schwächeren Leistungen, sondern auch darin, dass zu viele junge Menschen das System ohne tragfähige Anschlussperspektive verlassen.

Wie aus Bildungskrise Fachkräftekrise wird

Für Dienstgeber ist die Bildungskrise keine nachgelagerte Debatte über Schulpolitik. Sie greift unmittelbar in den Arbeitsmarkt ein. Denn was im Bildungssystem nicht gelingt, fehlt später bei der Fachkräftesicherung. Schwächere Basiskompetenzen, unzureichend stabilisierte Bildungswege und misslingende Übergänge verengen das Fachkräfteangebot schon heute und sind somit kein fernes und abstraktes Zukunftsrisiko, sondern eine absehbare Verschärfung einer bereits angespannten Lage. Wer berechtigterweise über Produktivität, Wachstum, Versorgungssicherheit und gesellschaftliche Stabilität spricht, muss über Bildungsqualität, Ausbildungsreife und funktionierende Übergänge mitsprechen. Ein durchlässiges Bildungssystem ist ökonomisch zwingend, weil nur so die Potenziale der jungen Generation tatsächlich erschlossen werden können. Wo soziale Hürden, qualitative Defizite und fehlende Übergänge fortbestehen, verliert Deutschland Potenzial in erheblichem Umfang.

Hinzu kommt ein zweiter Punkt. Der Bildungsbericht beschreibt selbst eine angespannte Fachkräftesituation innerhalb des Bildungssystems. Das heißt, das System soll mehr leisten, individualisierter fördern, sprachlich stärker unterstützen, Übergänge besser begleiten und zugleich mit eigener personeller Knappheit umgehen. Genau diese Konstellation macht die Lage so problematisch. Qualität lässt sich politisch nicht verordnen, wenn die Voraussetzungen für ihre Umsetzung dauerhaft zu schwach bleiben. Die eigentliche strategische Frage lautet deshalb nicht nur, wie auf Fachkräftemangel reagiert wird. Sie lautet, wie verhindert werden kann, dass das Bildungssystem den bestehenden Fachkräftemangel weiter verschärft. Aus Dienstgebersicht ist das der entscheidende Perspektivwechsel.

Die Bildungskrise trifft die Praxis unmittelbar. Caritas-Dienstgeber sind auf funktionierende Bildungs- und Ausbildungswege angewiesen und tragen zugleich selbst Verantwortung in Feldern, in denen frühe Bildung, Begleitung und Teilhabe organisiert werden.

Die Ergebnisse des Caritaspanels 2024 zeigen jedoch, wie stark die Praxis bereits unter Druck steht. 86 Prozent der befragten Rechtsträger nannten die erschwerte Deckung des Fachkräftebedarfs als zentrale Herausforderung der kommenden zwei Jahre. Zudem konnten 16 Prozent der im ersten Halbjahr 2024 ausgeschriebenen Stellen nicht besetzt werden.

Was politisch daraus folgt

Aus unserer Sicht braucht die Debatte deshalb weniger neue Etiketten und mehr Prioritätensetzung entlang der gesamten Bildungskette. Die zentralen Problemlagen liegen offen. Was fehlt, ist politische Konsequenz in der Bearbeitung. Daher fordern wir:

1. Frühe Bildung muss als Bildungsinfrastruktur behandelt werden.

Wenn Startnachteile früh entstehen, darf die Kita politisch nicht länger vor allem als Betreuungsfrage behandelt werden. Sie ist Bildungsort, Sprachort und Integrationsort. Qualität, Teilhabe und personelle Tragfähigkeit müssen in diesem Bereich höhere Priorität erhalten. Wer hier zu spät oder zu zögerlich handelt, verschiebt Probleme nur weiter in Schule, Ausbildung und Arbeitsmarkt.

2. Das Bildungssystem braucht wieder einen klareren Fokus auf Basiskompetenzen.

Die Debatte der vergangenen Jahre war zu wenig verbindlich. Wenn Basiskompetenzen das Fundament weiterer Bildungswege sind, dann müssen sie politisch auch wieder als solche behandelt werden. Das heißt nicht Rückkehr zu bloßer Testlogik. Es heißt, Ziele klarer zu definieren, Fortschritte systematischer zu überprüfen und Fördermaßnahmen dort zu konzentrieren, wo der Handlungsdruck am größten ist.

3. Übergänge müssen als eigenständiges Steuerungsproblem ernst genommen werden.

Ein Bildungssystem ist nicht nur an seinen Abschlüssen zu messen, sondern auch daran, wie stabil es Übergänge organisiert. Hier gehen in Deutschland zu viele Potenziale verloren. Der Bildungsbericht verweist im Bereich des Übergangssektors auf geringe Transparenz der angestrebten Ziele sowie auf wenig belastbare Daten zu Ergebnissen und Wirkungen. Wenn Übergänge nicht klarer gesteuert, begleitet und ausgewertet werden, bleiben sie eine Schwachstelle mit direkten Folgen für die Fachkräftesicherung.

4. Die Politik darf die Qualitätsfrage nicht von der Personalfrage trennen.

Mehr individuelle Förderung, mehr Sprachbildung, mehr Berufsorientierung und bessere Übergänge setzen stabile personelle Strukturen voraus. Das gilt für Schulen und Kitas ebenso wie für Träger im Sozial- und Bildungsbereich. Wer höhere Erwartungen formuliert, zugleich aber ein dauerhaft überlastetes System hinnimmt, produziert ein politisches Soll ohne operatives Können. Das ist aus Dienstgebersicht keine nachhaltige Strategie.

Schluss

Die Bildungskrise ist deshalb mehr als ein Problem von Schulen. Sie ist eine strategische Schwäche entlang der gesamten Bildungskette und sie verschärft eine ohnehin angespannte Fachkräftelage zusätzlich. Für Arbeitgeber ist das eine zentrale Zukunftsfrage, wie auch die BDA bereits mehrfach anprangerte. Für die Caritas und ihre Dienstgeber ist es noch mehr. Sie sind von den Folgen betroffen und zugleich Teil der Infrastruktur, die ihre Bearbeitung mittragen muss.

Hinzu kommt, dass über dieses Problem noch immer nicht mit der nötigen Klarheit gesprochen wird. Die Befunde liegen vor. Die Entwicklung ist seit Jahren sichtbar. Und trotzdem wird die Bildungskrise politisch oft so behandelt, als gehe es um eine Reihe einzelner Baustellen, nicht um eine zusammenhängende Strukturfrage. Genau das verstellt den Blick auf die eigentliche Größenordnung.

Gerade deshalb braucht die Debatte jetzt ein klareres Profil. Weniger Symbolik, mehr Prioritätensetzung. Weniger Zuständigkeitsroutine, mehr Verantwortung entlang der Bildungskette. Und vor allem den politischen Willen, Befähigung nicht als Nebensatz zu behandeln, sondern als Voraussetzung von Leistung und Fachkräftesicherung. Wo Bildungspolitik die Fachkräftefrage verschärft, statt sie zu entschärfen, entstehen volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Folgekosten, die weit über das Schulwesen hinausreichen.

Bericht aus Berlin

Autor/-in: Robin Lippa

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