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Sozialer Sektor im Aufholprozess – Ein kritischer Blick auf Care Pay Gap, Gender Gap sowie vermeintliche Lücken bei Tarifbindung und Mitbestimmung

In einer älter werdenden Gesellschaft steigt der Pflegebedarf und gleichzeitig geht eine geburtenstarke Generation in den Ruhestand. Eine empirische Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die aktuelle Beschäftigungsbedingungen im sozialen Sektor untersucht, zeigt trotz allem auch positive Tendenzen auf: Die Tarifbindung steigt, der Care Pay Gap ist rückläufig – der soziale Sektor ist im Aufholprozess.

Eine aktuelle Hochrechnung der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass immer weniger Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt nachrücken, während der Anteil älterer Menschen steigt. Damit steigt auch die Zahl potentieller Empfänger von Soziallleistungen. Vor allem die Gesundheits- und Pflegebranche gerät daher immer mehr unter Druck. Um ausreichende Kapazitäten anbieten zu können, fehlen zunehmend die nötigen Arbeitskräfte, was die Arbeitsbedingungen negativ beeinflussen kann. Die Suche insbesondere nach Fachkräften wird immer schwieriger. Die Beschäftigungsbedingungen sowie deren Auswirkung auf die Qualität von Beschäftigung werden in einer aktuellen Studie „Vor dem Kollaps!? Beschäftigung im sozialen Sektor“ auf Basis empirischer Daten genau unter die Lupe genommen. Zentrale Ergebnisse dieser Untersuchung sowie aktuelle Daten aus anderen Quellen werden hier vorgestellt. Dabei sollen auch die in der aktuellen Diskussion häufig verwendeten „Lücken“ wie beispielsweise der Care Pay Gap thematisiert werden.

Ausgangssituation: Kommunale Bevölkerungsentwicklung

In einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung „Wer, wo, wie viele? Bevölkerungsentwicklung in deutschen Kommunen bis 2040“ werden die demographische Entwicklung in Deutschland und deren Auswirkungen unter anderem auf den Arbeitsmarkt untersucht. Die Ergebnisse der Hochrechnung zur Bevölkerungsstruktur verdeutlichen die große Nachfrage nach Fachkräften einerseits und den Druck auf die Alterssicherungssysteme und auf den Pflegebedarf andererseits. Laut Prognose soll die Anzahl der Bewohner in Deutschland bis 2040 um eine halbe Million auf 83,67 Millionen steigen; das wäre ein Plus von 0,6 Prozent gegenüber das Jahr 2020. Die Zahl der Personen im Erwerbsalter wird in allen Bundesländern sinken. Nach Schätzungen der Forscher wird von 2020 bis 2040 in der Altersgruppe der 25- bis 44-Jährigen die Zahl der potentiell Erwerbstätigen um etwa 1,6 Millionen Personen zurückgehen wird (minus 7,7 Prozent). In der Altersgruppe der 45- bis 64-Jährigen erwarten sie sogar eine Schrumpfung der Zahl um 3,2 Millionen Personen (minus 13,3 Prozent). Auch erwarten die Autoren eine zunehmende Alterung der Gesellschaft. Laut den Berechnungen machten Personen im Alter ab 65 Jahren an der Gesamtbevölkerung im Jahr 2020 knapp 22 Prozent aus. 20 Jahre später werden es der Prognose zufolge bereits fast 28 Prozent sein. Trotz regionaler Unterschiede betrifft dieser Trend fast alle Kommunen. Dadurch geraten die sozialen Sicherungssysteme – vor allem auch die Gesundheits- und Pflegebranche – unter Druck, da immer weniger Erwerbstätige auf eine immer größer werdende Zahl älterer, nicht mehr erwerbstätiger Personen treffen.

Beschäftigungsbedingungen im sozialen Sektor – verschiedene Indikatoren

Care Pay Gap

Die Studie „Vor dem Kollaps!? Beschäftigung im sozialen Sektor“ untersucht die Entwicklung der Beschäftigung im sozialen Sektor in Deutschland – einem der personalintensivsten und gleichzeitig am stärksten vom Fachkräftemangel betroffenen Sektoren. Dabei werden insbesondere die Beschäftigungsbedingungen sowie deren Auswirkung auf die Qualität von Beschäftigung in den Blick genommen und Wege aufgezeigt, wie soziale Berufe noch attraktiver werden können.

Ein besonderes Augenmerk richten die Autoren auf den Unterschied der Durchschnittslöhne zwischen dem sozialen Sektor und den übrigen Sektoren. Diese Lohnlücke – in der Studie als „Care Pay Gap“ bezeichnet – beträgt bei Vollzeitbeschäftigten im Jahr 2021 unbereinigt 17 Prozent und war in den letzten Jahren rückläufig. Der Rückgang fällt bei der Betrachtung unterschiedlicher Qualifikationsniveaus sehr unterschiedlich aus. So ist die Lücke bei Personen mit einfacher Qualifikation von 32 Prozent im Jahr 2012 auf 15 Prozent im Jahr 2021 zurückgegangen. Dies ist vor allem auf die Mindestlohneinführung sowie auf Tariflohnerhöhungen über Sockelbeträge zurückzuführen, von denen vor allem untere Lohngruppen profitiert haben. Bei den Beschäftigten mittlerer Qualifikation ist der Care Pay Gap um vier Prozentpunkte von 13 Prozent auf neun Prozent gesunken. Seit 2021 hat sich die Situation zumindest mit Blick auf Pflegefachkräfte sogar ins Gegenteil gewandelt. So zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes vom April 2023, dass Vollzeitbeschäftigte in der Alten- und Krankenpflege inzwischen überdurchschnittliche Verdienste im Vergleich zu anderen Ausbildungsberufen erzielen. Vollzeitbeschäftigte Fachkräfte in der Altenpflege verdienten durchschnittlich 3.920 Euro und somit rund 200 Euro mehr als der Durchschnitt. In der Krankenpflege erhielten Vollzeitbeschäftigte rund 350 Euro mehr als der Durchschnitt und erzielten einen Bruttoverdienst von 4.067 Euro. Dies wirkt sich auch positiv auf die Ausbildungszahlen aus. Im Jahr 2023 wurden 53.900 Neuverträge und damit drei Prozent mehr Ausbildungsverträge zur Pflegefachfrau oder zum Pflegefachmann abgeschlossen. Hinsichtlich der Entlohnung ist also in den letzten Jahren – insbesondere bei den Beschäftigten mit einfacher und mittlerer Qualifikation – eine klare Verbesserung der Bedingungen im sozialen Sektor zu beobachten.

Gender Pay Gap und Gender Gap Arbeitsmarkt

Als einen Grund für den Care Pay Gap benennen die Autoren der Studie den hohen Frauenanteil im sozialen Sektor und referieren damit auf die als Gender Pay Gap bekannte Lücke. Der Gender Pay Gap ist der zentrale Indikator für die Verdienstungleichheit zwischen Frauen und Männern. Dieser Wert, der ausschließlich die Bruttoverdienste pro Arbeitsstunde berücksichtigt, ist zuletzt um vier Prozentpunkte von 22 Prozent auf 18 Prozent gesunken. Eine umfassendere Betrachtung der Verdienstungleichheit liefert der als Gender Gap Arbeitsmarkt bezeichnete Indikator des Statistischen Bundesamtes. Dieser Indikator berücksichtigt neben der Verdienstlücke pro Stunde (Gender Pay Gap), die Unterschiede in der bezahlten monatlichen Arbeitszeit (Gender Hours Gap) und in der Erwerbsbeteiligung von Frauen und Männern (Gender Employment Gap). 2023 lag der Wert des Gender Gap Arbeitsmarkt im Vergleich zum Vorjahr unverändert bei 39 Prozent. Langfristig, gegenüber 2014, sank der Wert jedoch von 45 Prozent um sechs Prozentpunkte. Der Rückgang des Gender Gap Arbeitsmarktes ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Bruttostundenverdienste der Frauen stärker stiegen als die der Männer, was den Gender Pay Gap auf 18 Prozent reduziert hat. Der Rückgang der geleisteten Arbeitsstunden bei Männern verringerte den Gender Hours Gap um drei Prozentpunkte von 21 Prozent auf 18 Prozent. Der Gender Employment Gap sank von 11 Prozent auf neun Prozent. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen stieg um neun Prozentpunkte, während die Erwerbstätigenquote von Männern nur um drei Prozentpunkte zunahm. Eine aktuelle Untersuchung des IAB zum Gender Pay Gap in der Coronakrise zeigt auf, dass sich die Löhne von Männern und Frauen während der Coronakrise unterschiedlich entwickelt und sowohl von 2019 auf 2020 als auch von 2020 auf 2021 zu einer leichten Reduzierung des Gender Pay Gaps geführt haben. (IAB-Kurzbericht 1/2024)

Weitere wichtige Indikatoren – Tarifbindung und betriebliche Mitbestimmung

Die Autoren der Studie verweisen darüber hinaus darauf, dass Löhne und Arbeitsbedingungen insbesondere auch durch Tarifverträge und betriebliche Mitbestimmung beeinflusst werden. Die Tarifbindung ist vielfach ein Schlüssel, um Löhne und Arbeitsbedingungen zu verbessern und somit potentiell dem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken. Sieben von zehn Beschäftigten im sozialen Sektor werden nach Tarif bezahlt. Vor allem in gemeinnützigen Betrieben, wie beispielsweise denen der Caritas, die die Mehrheit der Fachkräfte im sozialen Sektor beschäftigen, ist eine hohe Tarifbindung festzustellen. Im Gegensatz zur allgemeinen Entwicklung ist im sozialen Sektor kein kontinuierlicher Rückgang der Bedeutung der Tarifbindung zu beobachten. Auch die betriebliche Mitbestimmung spielt eine größere Rolle als in den übrigen Branchen. Allerdings zeigt sich eine starke Zersplitterung der tarifvertraglichen und betrieblichen Mitbestimmungsmöglichkeiten, insbesondere zwischen den gemeinnützigen und den öffentlichen Einrichtungen auf der einen und den gewerblichen Betrieben auf der anderen Seite. So arbeiten 50 Prozent der Beschäftigten in gewerblichen Betrieben des sozialen Sektors, die weder tarifgebunden sind noch über einen Betriebs- oder Personalrat verfügen. In gemeinnützigen Betrieben im sozialen Sektor trifft das lediglich auf gut zwanzig Prozent der Beschäftigten zu, so dass fast 80 Prozent der Beschäftigten von Tarifbindung und betrieblicher Mitbestimmung profitieren. Einen positiven Einfluss auf die aktuelle Entwicklung hatte laut der Studie auch die Einführung der in § 72 SGB XI geregelten verpflichtenden tariflichen Bezahlung ab dem 1. September 2022 in der Altenpflege.

Fazit

Die Entlohnung im sozialen Sektor befindet sich im Aufholprozess. Laut aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes hat dies in Ausbildungsberufen der Alten- und Krankenpflege schon zu überdurchschnittlichen Verdiensten geführt. Dies festigt das Bild, das die Zahlen aus der jährlichen Entgeltstatistik der Bundesagentur für Arbeit schon länger liefern. Die Weiterentwicklung attraktiver Arbeitsbedingungen wird auch zukünftig eine zentrale Rolle spielen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Dies wird – so die Hoffnung – auch dazu beitragen, die verschiedenen beschriebenen „Lücken“ weiter zu verringern. Im Bereich der Caritas sind die Löhne zuletzt sogar zweistellig gestiegen. Eine weitere Erkenntnis der Studie „Vor dem Kollaps!? Beschäftigung im sozialen Sektor“ ist, dass vor allem in gemeinnützigen Betrieben im sozialen Sektor Tarifbindung und Mitbestimmung deutlich stärker ausgeprägt sind als in der öffentlichen und politischen Debatte wahrgenommen. Insbesondere im Bereich der Caritas sind Tarifbindung und betriebliche Interessenvertretung auf Grund des Systems des Kirchlichen Arbeitsrechts stets sehr hoch. Schlussendlich wirkt Tarifbindung gegen Gender Gaps, denn in Tarifwerken gibt es keine Diskriminierung hinsichtlich der Bezahlung von Frauen und Männern. Hier gilt der Grundsatz: gleiche Tätigkeit, gleiche Bezahlung. Unterschiede ergeben sich also grundsätzlich nur durch die Art der Tätigkeit und natürlich durch den gewählten Beschäftigungsumfang und die Betriebszugehörigkeit. Hier sind also gesamtgesellschaftliche Entwicklungen nötig, welche die Caritas an anderer Stelle fördert.

Ökonomische Analyse

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