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Arbeitszeitgestaltung in Zeiten demographischer Umbrüche

Die Vier-Tage-Woche ist kein Arbeitszeitmodell für die Zukunft.

Landauf, landab werden aktuell Forderungen der Gewerkschaften lauter, die wöchentliche Arbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten zu kürzen. Die Vier-Tage-Woche ist als „Arbeitszeitmodell der Zukunft“ in aller Munde. Unterschieden wird in der Diskussion zwischen einer Vier-Tage-Woche, bei der Mitarbeitende trotz verkürzter Arbeitszeit weiterhin ihr volles Gehalt erhalten und einem Arbeitszeitmodell, bei dem eine Gehaltskürzung entsprechend der Stundenreduzierung erfolgt. Die im September veröffentlichte HDI Berufe-Studie zeigt, dass mehr als 75 Prozent aller Berufstätigen in Deutschland eine Vier-Tage-Woche wünschen – in der Gruppe der unter 40-Jährigen Beschäftigten ist der Anteil der Befürworter laut Studie mit 83 Prozent sogar noch größer. Doch nur die Wenigsten – knapp 14 Prozent – wollen auch finanzielle Einbußen in Kauf nehmen. Demographische Umbrüche, Aspekte des Arbeits- und Gesundheitsschutzes und die Herausforderungen von Arbeits- und Fachkräftemangel stehen diesen Wünschen entgegen. Lösungen zu flexibleren Arbeitszeitgestaltungen müssen im Lichte dieser Herausforderungen betrachtet werden. Der Gesetzgeber ist hier gefordert: Bestehende rechtliche Spielräume müssen ausgenutzt werden – zum Wohle von Arbeitgebern und Beschäftigten.

Moderne und gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen als integraler Bestandteil der Fachkräftesicherung

Die bestmögliche Flexibilisierung der Arbeitszeiten ist sowohl im Interesse der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer. Ziel muss es sein, Arbeitnehmerinnen eine effektive Verbindung von Beruf und Familie zu ermöglichen. Arbeitgeber sollten, wo immer möglich, Ermessensspielräume in der Flexibilisierung ausschöpfen.

Einer Caritas-internen Umfrage zufolge bieten 86 Prozent der Rechtsträger an, dass ihre Beschäftigten von zu Hause im „Homeoffice“ oder von unterwegs arbeiten können (CaritaspanelReport 3/2023). Mehr als zwei Drittel der Rechtsträger greifen auf Arbeitszeitkonten zurück, die einen flexiblen Ausgleich ermöglichen. Dies stellt somit den Regelfall innerhalb der Caritas dar.

Neben der zeitlichen Ausgestaltung der Arbeit spielt auch die Entlohnung eine wesentliche Rolle bei der Gewinnung und Bindung von Fachkräften. Hier bieten die AVR Caritas attraktive Vergütungen im oberen Spektrum vergleichbarer Arbeitgeber. Als Mitglied der Pflegekommission setzt sich die Dienstgeberseite zudem politisch für Verbesserungen der Arbeitsbedingungen im Pflegebereich ein. Das Ergebnis:  Die Pflegemindestlöhne liegen deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn.

Demografischer Wandel und Personalmangel grenzen Handlungsspielräume ein

Der deutsche Arbeitsmarkt steht derzeit vor einer Vielzahl von Herausforderungen, insbesondere im Pflege- und Gesundheitssektor. Eine zentrale Herausforderung ist der demographische Wandel. Deutschland sieht sich aufgrund der seit langem niedrigen Geburtenrate mit einer alternden Bevölkerung konfrontiert, in der ältere Menschen zudem eine immer höhere Lebenserwartung haben (doppelter Alterungsprozess), was zu einem Rückgang des Arbeitskräfteangebots und zu großen Herausforderungen für die sozialen Sicherungssysteme führt. Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat prognostiziert, dass bis 2035 in Deutschland im gesamten Pflegesektor rund 500.000 qualifizierte Arbeitskräfte fehlen könnten (Fachkräftemangel - Bedarf an Pflegekräften in Deutschland bis 2035 | Statista) - während eines Anstiegs der Zahl der Pflegebedürftigen bis 2055 auf rund 6,78 Millionen prognostiziert wird (Prognose zur Anzahl von Pflegebedürftigen nach Bundesland | Statista). In den Einrichtungen und Diensten der Caritas liegt der Anteil der Beschäftigten ab 55 Jahren bei 30 Prozent. Bezogen auf die Gesamtheit der Beschäftigten (knapp 700.000) bedeutet dies, dass in den nächsten zehn Jahren rund 200.000 Beschäftigte in den Ruhestand gehen (caritaspanelReport 1/2023). Der Bedarf an Fachkräften in Bereichen wie der Pflege wird immer drängender, während das Angebot an qualifizierten Arbeitskräften nicht ausreicht.

Daher muss auch das Fachkräftepotenzial dringend in den Blick genommen werden. Verschiedenen wissenschaftlichen Erhebungen zufolge können sich weit mehr als 45 Prozent der Teilzeitpflegekräfte eine Stundenaufstockung vorstellen und 60 Prozent der ausgestiegenen Fachkräfte eine Rückkehr in den Pflegeberuf – rund 300.000 qualifizierte und berufserfahrene Vollzeitkräfte könnten durch eine gezielte Stärkung der Gesundheits- und Pflegebranche reaktiviert werden. Dies würde auch eine deutliche Entlastung des bestehenden Personals ermöglichen.

Politik muss Rahmenbedingungen für mehr Flexibilität der Arbeitnehmerinnen schaffen

In der Diskussion um flexible Arbeitszeiten sind Arbeitgeberinnen in Deutschland mit Blick auf das Arbeitszeitgesetz jedoch schnell Grenzen gesetzt – auch auf Kosten der Beschäftigten. In Anlehnung an die EU-Arbeitszeitrichtlinie sollte die Höchstarbeitszeit daher auf die Arbeitswoche und nicht auf den Arbeitstag bezogen sein. Dadurch könnte zum Beispiel eine Vier-Tage-Woche - dort wo es die sonstigen Rahmenbedingungen zulassen - problemlos auch bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 40 Stunden realisiert werden, ohne jeden Tag genau auf die Uhr schauen zu müssen.

Auch das Anwerben ausländischer Fachkräfte muss vereinfacht werden, um dem demographischen Wandel ausreichend begegnen zu können. Während der Großteil der Zuwanderung in den Arbeitsmarkt auf die EU-Binnenmobilität zurückzuführen ist, bestehen in der Anwerbung von dringend benötigten Fachkräften aus dem EU-Ausland weiterhin zu große strukturelle Hürden.

Als Argument der Vier-Tage-Woche wird im Kontext des Gesundheitsschutzes auch auf die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie hingewiesen. Noch immer gibt es mehr Nachfrage nach Kinderbetreuung als passende Angebote. Laut Bertelsmann-Stiftung fehlen 2023 bundesweit weit mehr als 380.000 Kita-Plätze (2023 fehlen in Deutschland rund 384.000 Kita-Plätze | bertelsmann-stiftung.de). Das Ergebnis ist eine verschärfte organisatorische und psychische Belastung für Familien – insbesondere dann, wenn beide Elternteile berufstätig sind. Die Bundesregierung muss in Zeiten des europaweit herrschenden Fachkräftemangels den Anspruch auf einen Betreuungsplatz gewährleisten.

Vier-Tage-Woche würde bestehende Herausforderungen massiv verschärfen – auf Kosten von Mitarbeitenden und Einrichtungen

Vor diesem Hintergrund erscheint das „Zukunftsmodell Vier-Tage-Woche“ - insbesondere bei einer Reduktion der wöchentlichen Arbeitszeit - utopisch. Die Auswirkungen betreffen hierbei längst nicht nur die Handlungsfähigkeit sozialer Einrichtungen, sondern unmittelbar den Gesundheitsschutz der Mitarbeitenden:  

  • In einer Vier-Tage-Woche arbeiten Mitarbeiter in der Regel 32 Stunden anstatt 40 Stunden pro Woche. Die kürzere Arbeitszeit pro Mitarbeiter bedeutet weniger verfügbare Arbeitsstunden, um die bestehende Nachfrage nach Dienstleistungen zu decken. Doch in vielen Bereichen der Caritas-Dienstleistungen, zum Beispiel im Bereich der Pflege, besteht dieser Spielraum nicht, da eine kontinuierliche Rund-um-die-Uhr-Betreuung in den meisten Fällen lebensnotwendig ist. Eine Vier-Tage-Woche erschwert die Organisation solcher Dienstleistungen. Auch eine „40 Stunden in 4 Tagen“-Regelung wäre im Gesundheits- und Pflegebereich sicher nicht flächendeckend umsetzbar, so dass Deckungslücken entstünden.
  • Um den Personalmangel in einer Vier-Tage-Woche zu kompensieren, wären zusätzliche Mitarbeiterinnen oder Ersatzkräfte erforderlich, um sicherzustellen, dass die Dienstleistungen weiterhin reibungslos erbracht werden können. Dies erhöht die Personalkosten und beeinträchtigt die betriebliche Effizienz. Da Mitarbeiter an weniger Tagen zur Verfügung stünden, müssten Arbeitgeber möglicherweise längere Arbeitszeiten pro Tag oder mehr Überstunden in Betracht ziehen, um etwaige Deckungslücken zu schließen. Eine derartige Zusatzbelastung durch eine flächendeckende Vier-Tage-Woche würde unweigerlich zu erhöhter Arbeitsbelastung und Überarbeitung führen, was wiederum eine erhöhte Fluktuation und geringere Zufriedenheit der Mitarbeitenden zur Folge hätte.
  • In vielen Arbeitsbereichen innerhalb des Deutschen Caritasverbandes ist eine orts- und zeitunabhängige Gewährleistung der Notfallversorgung erforderlich. Eine Vier-Tage-Woche schränkt die Fähigkeit zur Bewältigung unvorhergesehener Notfälle ein und gefährdet so die Gesundheit und Sicherheit der Patienten.
  • Die Einführung einer Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich könnte die Kosten für die Branche erheblich erhöhen, was zu höheren Preisen für Dienstleistungen und möglicherweise zu einer Reduzierung der Dienstleistungsqualität führen könnte.

Fazit

Eine pauschale Vier-Tage-Woche, insbesondere bei vollem Lohnausgleich, würde die ohnehin schon angespannte Arbeitsmarktsituation massiv verschärfen. Im Ergebnis könnten Arbeitgeber immer weniger ihre Möglichkeiten ausschöpfen, flexible Arbeitszeitregelungen und gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen anzubieten. Die gesellschaftlichen Gegebenheiten verbieten generelle Verkürzungen von Arbeitszeiten; im Gegenteil: Sie machen es erforderlich, mehr und länger zu arbeiten. Damit auch der Gesundheitsschutz und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben von Mitarbeitenden umgesetzt werden können, ist die Politik  gefragt. Denn es sind dringend umfassende gesetzliche Reformen insbesondere des Arbeitszeitrechts anzugehen.

Arbeitsrechtliche Analyse

Autor/-in: Robin Lippa

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